Ein Begriff lässt die Hüllen fallen

Kann man von Wissens-MANAGEMENT sprechen?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Wissensmanagement Aufgaben der Unternehmensführung umfasst, die darauf abzielen, Wissen optimal zu nutzen. Personen aus sehr unterschiedlichen Bereichen beschäftigen sich mit dem Thema Wissensmanagement. In der Praxis sind dies z.B. Mitarbeiter von Anwaltskanzleien oder KMU-Manager, in den Wissenschaften z.B. Organisationspsychologen oder Dokumentationswissenschaftler. Daher rührt die Vielfältigkeit der Verwendung des Begriffs: Jeder schaut aus einer anderen Perspektive darauf oder hängt Wissensmanagement eine andere Aufgabe an.

Über die Jahre sind viele Modelle entstanden, mit denen die Prozesse oder Prinzipien von Wissensmanagement abgebildet werden. Insgesamt 160 (!) Rahmenmodelle zum Wissensmanagement hat Peter Heisig, ein Forscher des «Engineering Design Centre» an der Universität Cambridge in einem Versuch der Harmonisierung des Wissensmanagements erfasst (Harmonisation of knowledge management, Journal of Knowledge Management, Vol. 13, NO. 4, 2009, pp. 4–31).

Eine sehr gute Übersicht über einige Modelle und wichtige Begrifflichkeiten zum Wissensmanagement sind in der Wissenslandkarte der Gesellschaft für Wissensmanagement dargestellt. Erklärt werden die Begriffe hier noch nicht, jedoch schafft das D-A-CH Wissensmanagement Glossar Abhilfe.

Im deutschsprachigen Raum ist das Modell «Bausteine des Wissensmanagements» von Probst, Raub und Romhardt das bekannteste. Detailliert vorgestellt wird es in dem Buch «Wissen managen: Wie Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen» (6. Auflage, 2010).

Dieses Modell hat Prof. Norbert Gronau aufgegriffen und unter prozessorientierten Gesichtspunkten weiterentwickelt. In seinem Potsdamer Wissensmanagementmodell werden aus den ursprünglich acht WM-Bausteinen elf Aufgaben des Wissensmanagements. Ausserdem berücksichtigt er hierin Akteure und Massnahmen des Wissensmanagements. Die elf Aufgaben des Wissensmanagements sind:

  • Wissensstrategie festlegen
  • Wissensbedarf ermitteln
  • Wissen identifizieren
  • Wissen transparent machen
  • Wissen für die Nutzung aufbereiten
  • Wissen bewahren
  • Wissen verteilen
  • Wissen bereinigen
  • Wissensanwendung fördern
  • Wissen bewerten
  • Wissen erwerben

Die Wissensmanagement-Modelle lassen keinen Zweifel: Wissen lässt sich managen. Nach dem Scheitern der ersten Wissensmanagement-Generation (bis etwa 1995, lesen Sie zu den Wissensmanagement-Generationen unseren nächsten Artikel), wurden Stimmen laut, dass sich Wissen gar nicht managen lässt. Laurence Prusak und Thomas Davenport, die Wissens-Pioniere und Autoren des Buches «Wenn Ihr Unternehmen wüsste, was es alles weiss», gehen beispielsweise davon aus, dass man «Wissen nicht managen kann, aber man kann Umgebungen schaffen, in denen Wissen sich entwickelt und gedeiht» (Davenport & Prusak, 1998, zitiert nach Stocker & Tochtermann, 2010, Wissenstransfer mit Wikis und Weblogs, S. 31). Kann man also gar nicht von Wissens-MANAGEMENT sprechen?

In diesem Sinne erklärt auch Prof. Fritz Simon in dem folgenden Interview, warum er Wissensmanagement bloss als Marketing-Begriff der Informationstechnologie versteht:

Was denken Sie: Kann man Wissen managen? Was zeigt Ihre Erfahrung, was haben Sie für Ideen hierzu? Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen!