Zwischen Irrtumstoleranz und Neugierde

Wie Lehrende und Lernende zum erfolgreichen Lernprozess beitragen.

„Lernen ist ein autopoietischer, selbstgesteuerter, eigenwilliger und eigensinniger Prozess“ (Siebert, 2003, S. 18). Diese Erkenntnis ist in vielen Ausbildungsinstitutionen angekommen. Entsprechend steht z. B. in den didaktischen Leitlinien: Die Studierenden sind für ihren Lernprozess selber verantwortlich. Entsprechend gibt es sogenannte SOL-Projekte (SOL = Selbstorganisiertes Lernen). Die konkrete Umsetzung dieser Erkenntnis ist aber nicht ganz einfach, da sie eine Umkehr des traditionellen Lehrverständnisses bedeutet.

Arnold und Schüssler (2010, S. 25 ff.) beschreiben 10 Merkmale, die die neue Funktion der „Lehrenden“ umreissen:

  • Irrtumsoffenheit: Lehrende sind sich der unterschiedlichen Deutungen der Realität und der Möglichkeit von Fehleinschätzungen bewusst.
  • Divergenztoleranz: Sie können Widersprüchlichkeiten und Unvereinbarkeiten stehen lassen.
  • Veränderungsoffenheit: Sie planen den Lernprozess aufgaben- und situationsbezogen und sind sich bewusst, dass er sich durch die unterschiedlichen Aneignungslogiken der Lernenden verändern kann.
  • Methodenorientierung: Sie verfügen über ein reichhaltiges didaktisches Methodenrepertoire und sind in der Lage, einen anregenden und situativ angepassten Methodenmix anzubieten.
  • Methodentraining: Sie sind bemüht, die Methoden- und Sozialkompetenz bei den Lernenden zu stärken, da diese Kompetenzen die Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewältigung konkreter Herausforderungen im Arbeitsleben darstellen.
  • Sicherer Umgang mit Unsicherheit: Sie sind sich bewusst, dass das selbstorganisierte Lernen nur in offenen, unsicheren Situationen entstehen kann, und halten entsprechende Situationen zugunsten der Eigenaktivität der Lernenden aus.
  • Wirkungsoffenheit: Sie wissen, dass sie die Wirkung beim Lernenden nicht bestimmen können.
  • Gestalten von Lernarrangements: Die zentrale Aufgabe der Lehrer und Lehrerinnen ist das Arrangieren von Lernsituationen, die inhaltlich und methodisch eine Vielzahl von möglichen Lernwegen eröffnen.
  • Lernbegleitung: Sie können sich während des Lernprozesses zurücknehmen und sich auf die unterstützende und beratende Rolle konzentrieren.
  • Beobachterhaltung: Sie beobachten das eigene Handeln, intervenieren kritisch und reflektieren ihre Haltung gegenüber den Lernenden genau

Die Lehrperson trägt nicht die Verantwortung für das Ergebnis des Lernprozesses. Vielmehr trägt sie die Verantwortung dafür, anregende Lernumgebungen für die Lernenden zu gestalten, die mit den für die entsprechenden Kompetenzen notwendigen Wissensbausteinen und Übungsanlagen ausgestattet sind. Instrumente zur Selbsteinschätzung des momentanen Kompetenzstandes unterstützen die Lernenden in der gezielten Auswahl der entsprechenden Lernangebote.

Neue Medien und Lernplattformen sind in diesem Zusammenhang als zusätzliche Möglichkeit zu sehen, motivierende Lernangebote zur Verfügung zu stellen. Die Gestaltung entsprechender „Lernwelten“, die das Lernen im Selbststudium attraktiv und wirkungsvoll machen, ist eine wichtige Ebene im Rahmen der „Ermöglichungsdidaktik“. 

Selbstverständlich gibt es nicht nur auf der Seite der Lehrenden Merkmale, die für ein selbstorganisiertes Lernen notwendig sind. Auch auf Seiten der Lernenden sind gewisse Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Lernprozess wichtig (vgl. Klein & Reutter, 2010, S. 174):

  • Lernen wollen: Es besteht eine hohe Eigenmotivation und kein primärer Druck von aussen.
  • Subjektive Lerninteressen: Lerner besuchen das Weiterbildungsangebot aufgrund ihres eigenen Interesses und sind nicht gezwungen, den entsprechenden Kurs zu besuchen.
  • Eine wachsende Weltverfügung / Lebensqualität wird antizipiert und angestrebt: Die Lerner versprechen sich eine Verbesserung ihrer Kompetenzen, des eigenen Wohlbefindens und wollen nicht primär eine Verschlechterung verhindern, weil beispielsweise die Gefahr im Raum steht, dass die Arbeitsstelle ohne die entsprechende Qualifikation verloren geht.
  • Sich auf einen Lernprozess einlassen: Die Lernenden sind offen für die verschiedenen Lernmöglichkeiten, probieren aus, sind neugierig und wissbegierig.
  • Lernerfolg wird vom Subjekt definiert als neue Handlungskompetenz: Es sind nicht die bestandenen Abschlussprüfungen, die über den Lernerfolg entscheiden, sondern die persönliche Wahrnehmung, neue Handlungskompetenzen erworben zu haben. Dieser Punkt schliesst das nächste Merkmal mit ein:
    • Selbstkontrolle gegenüber Aussenkontrolle durch institutionalisierte Qualifikationsverfahren und externe Bewertungen.
    • Das Ziel sind neue oder erweiterte Handlungsmöglichkeiten im Arbeits- bzw. Lebenszusammenhang.

Lernen passiert in einer Lernumgebung, die auf die zu erwerbenden Kompetenzen und auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmenden abgestimmt ist. Die Lernenden nutzen die verschiedenen Lernangebote, tauschen sich aus, erzählen von ihren Erfahrungen und lassen sich auf den Prozess ein. Die Lehrenden bereiten die entsprechende Umgebung vor, begleiten und unterstützen die Lernenden wo es nötig ist, und bieten ihnen die für den Lernprozess notwendigen Ressourcen an. In diesem Sinne ist das Berufsbild der Lehrenden oder Ausbilder/innen sehr vielschichtig: Es bedarf komplexer Vorbereitung und Planung und gleichzeitig einer Offenheit für die unterschiedlichen Lernprozesse, die sich erst in den Weiterbildungsangeboten entwickeln.

Angesichts einer solchen Unsicherheit ist das Ergebnis offener, aber gleichzeitig nachhaltiger und wirkungsvoller. Nur so ist Kompetenzentwicklung möglich!

Literatur

Arnold, R. & Schüssler, I. (Hrsg.) (2010). Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung. Ermöglichungsdidaktik. Erwachsenenpädagogische Grundlagen und Erfahrungen, Band 35. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 1-13.

Klein, R. & Reutter, G. (2010). Lernberatung als Form einer Ermöglichungsdidaktik – Voraussetzungen, Chancen, Grenzen in der beruflichen Weiterbildung. In R. Arnold, I. Schüssler (Hrsg.) (2010). Ermöglichungsdidaktik. Erwachsenenpädagogische Grundlagen und Erfahrungen, Band 35. Baltmannsweiler, Schneider Verlag Hohengehren, S. 170-186.

Siebert, H. (2003). Pädagogischer Konstruktivismus. Lernen als Konstruktion von Wirklichkeit (2. Aufl.). München: Luchterhand.

 

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