Lebenslanges Lernen – eine relevante Frage für die Arbeitsmarktfähigkeit

Lebenslanges Lernen ist ein Konzept, das sich seit den 1960er-Jahren verstärkt im öffentlichen und bildungspolitischen Diskurs wiederfindet. Die Europäische Union und OECD definieren das lebenslange Lernen als «sämtliche Lernformen, denen im gesamten Leben nachgegangen wird, um das eigene Wissen zu stärken und Kompetenzen zu erweitern» (BFS 2013, S. 7).

Lebenslanges Lernen als Konzept hat sich aus der Annahme entwickelt, dass Wissen und Fähigkeiten, welche im Rahmen einer (hoch)schulischen und beruflichen Ausbildung erworben wird, kaum mehr genügen, um eine volle Berufslaufbahn erfolgreich zu bestreiten: Wissen veraltet, Vorgänge ändern sich, neue Anforderungen erwachsen. Gerade dies erfordert vom Einzelnen eine aktive Anpassung und Erweiterung des eigenen Wissens- und Kompetenzbestandes, um in einer sich stetig verändernden Berufswelt nicht den Anschluss zu verlieren. Vor allem im Zuge des rapiden technologischen Wandels und der zunehmenden Digitalisierung der letzten Jahrzehnte wächst der Imperativ, sich stetig weiterzubilden.

Doch wie genau ist der Wissens- und Kompetenzbestand, welcher lebenslang weitergebildet werden soll, zu verstehen? 

Oftmals wird lebenslanges Lernen mit einer reinen beruflichen Weiterbildung – oft in Form einer Teilnahme an zertifizierten Weiterbildungskursen – gleichgesetzt. Die Vorstellung von lebenslangem Lernen als eine stetige Aktualisierung und Erweiterung von beruflich relevantem Fachwissen dominiert.

Diese Sicht ist durchaus berechtigt, denn Handeln im beruflichen Alltag setzt Wissen voraus. Ohne Fachwissen kann der Coiffeur keine Haare schneiden und die Treuhänderin keine Revision durchführen. Doch die Aufforderung zum lebenslangen Lernen lediglich auf Fachwissen zu beziehen, wäre zu kurz gegriffen.

Denn diejenigen Personen, welche ihren beruflichen Alltag kompetent meistern, sind nicht immer diejenigen Personen mit dem grössten bzw. dem aktuellsten Fachwissensbestand. Auch der regelmässige Besuch von Weiterbildungen garantieren noch lange keine berufliche Anschlussfähigkeit.

Dies liegt daran, dass das, was uns im (beruflichen) Alltag handlungsfähig macht, nicht das Wissen alleine ist, sondern die Fähigkeit, dieses Wissen in konkreten (beruflichen) Handlungssituationen umzusetzen. Diese Fähigkeit wird in der Regel als Handlungskompetenz umschrieben.

Beim lebenslangen Lernen geht es also nicht lediglich darum, den Fachwissensbestand aktuell zu halten, sondern darum, in einer stetig wandelnden, beruflichen Umwelt, handlungskompetent zu bleiben. Bei einer ganzheitlichen Betrachtung von Kompetenz wird schnell klar, dass die einzelnen Kompetenzdimensionen keinesfalls nur im Rahmen von spezifischen Kursen oder Weiterbildungsmassnahmen erworben und ausgebaut werden können. Kompetenzen sind nicht an einen formalen Lernprozess gebunden.

Vielmehr können die verschiedenen Kompetenzdimensionen auch informell, d.h. ausserhalb eines formalen Aus- und Weiterbildungssystems, gepflegt, erweitert und erworben werden.

Das kreative Lösen von Problemen findet oft ganz von alleine im beruflichen Alltag statt. Aber auch im Familienleben, bei der Ausübung von Hobbies oder beim ehrenamtlichen und politischen Engagement sind wir mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert, koordinieren verschiedene Interessens- und Anspruchsgruppen und meistern Herausforderungen kreativ. Gleiches gilt für die sozial-kommunikative Kompetenz. Diese pflegen wir vor allem im Austausch mit anderen – egal, ob dieser im Projektteam, im Sportteam, in der Freiwilligenarbeit oder im Freundeskreis stattfindet. Ebenso wenig sind die Fähigkeit zur Selbstreflektion und die Herausbildung von Motivation und Eigeninitiative an einen formalen Weiterbildungskurs gebunden. Wer sich beispielsweise kritisch damit auseinandersetzt, wieso die organisierte Veranstaltung im Bekanntenkreis nicht so lief wie geplant oder sich bewusst herausfordernden Situationen aussetzt – egal welcher Natur – lernt mitunter mehr als in jedem Weiterbildungskurs.

Sie sehen also, auch Aktivitäten, welche nicht ein explizites Bildungs- oder Lernziel verfolgen, tragen zur Kompetenzerweiterung bei – und damit auch zum lebenslangen Lernen. Diese Sicht wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ein Grossteil der Kompetenzentwicklung ausserhalb des formalen Unterrichts stattfindet. Gelernt wird laut Studienergebnissen also hauptsächlich im beruflichen Alltag sowie im Austausch mit anderen Menschen. (vgl. Terry 2011)

Das Leben an sich ist also bereits ein Lernprozess. Was bedeutet der ganzheitliche Kompetenzbegriff nun für das Konzept des lebenslangen Lernens?

Zum einen sollten bestehende Kurs- und Weiterbildungsangebote so aufgebaut sein, dass alle vier Kompetenzdimensionen gefördert werden. Das heisst, eine Abkehr von der Fach- hin zur Kompetenzorientierung ist erforderlich, welche den selbstgesteuerten Lernprozess der Teilnehmenden sowie Reflexion und Transfer in den Mittelpunkt rücken.

Mit einem kompetenzorientierten Bildungsangebot alleine ist es jedoch nicht getan. Es müssen Strukturen geschaffen werden, innerhalb derer sich Berufsleute aktiv mit ihrer eigenen Kompetenzentwicklung auseinandersetzen. Dazu gehören auf der einen Seite sicher Instrumente, um die eigenen Kompetenzen zu reflektieren. Andererseits ist es jedoch ebenso wichtig, Berufsleute dabei zu unterstützen, sichtbar zu machen, wo und wie sie bestehende Kompetenzen erworben haben und zwar abseits eines formalen Zertifizierungsprozesses. Vielmehr erfordert die Berücksichtigung von ganz-heitlichen Kompetenzen im lebenslangen Lernen eine Visualisierung, aber auch die Anerkennung des Kompetenzerwerbs, der abseits von formalen Bildungsmassnahmen stattgefunden hat. Wie beispielsweise im beruflichen Alltag, in Familie und Freizeit, aber auch in ausserordentlichen Lebenssituationen.

Das Konzept der ganzheitlichen Kompetenzen hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Angebotsseite des lebenslangen Lernens. Auch der lebenslange Lernprozess eines jeden Einzelnen an sich rückt in ein neues Licht. Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viel Fachwissen anzuhäufen oder Weiterbildungsangebote zu nutzen. Die anderen Aspekte des ganzheitlichen Kompetenzbegriffs sollten mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit erhalten.  Zu dieser Aufmerksamkeit gehört zunächst einmal die Herausbildung eines Bewusstseins dafür, dass lebenslanges Lernen oftmals ausserhalb des klassi-schen Unterrichts stattfindet. Man lernt automatisch, indem man aktiv am Leben teilnimmt, indem man Kontakte bewusst eingeht oder indem man sich kritisch mit seinem eigenen Tun und Handeln auseinandersetzt (BPB 2014, S. 2). Ist dieses Bewusstsein einmal geschaffen, so gilt es, die kleinen alltäglichen Lernprozesse eigenverantwortlich zu unterstützen, beispielsweise in Form von regelmässigen Standortbestimmungen oder einer Aufstellung von erfolgreich gemeisterten Herausforderungen und Tätigkeiten des eigenen (beruflichen) Alltags. Eine solche Aufstellung kann einerseits dazu herangezogen werden, Kompetenzlücken zu identifizieren und gezielt zu schliessen. Andererseits leis-tet aber auch die Reflexion selbst einen Beitrag zum lebenslangen Lernen: Wer sein eigenes Tun und Handeln reflektiert, unterstützt die personale Kompetenzdimension – und das ein Leben lang!